Chronik

So entstand die Schule

Bis zum Jahre 1800 wurden die Jungen (für Mädchen galten Bildungsmaßnahmen noch als überflüssig) während der Wintermonate in der Wohnung des Küsters am Kirchplatz im Rechnen, Lesen, Schreiben und in Religion unterrichtet. Die darauf folgende „Schule“ lag in unmittelbarer Nähe: „,Vay gott iäwen in de alle Schaule’[1] so hätten früher die Leute gesagt, wenn sie bei Henke Lebens­mittel einkaufen gingen“, erzählt 1951 die Tageszeitung. 1821 wurde dann die erste „richtige“ Schule neben der Kirche erbaut und 1874 aufgestockt. Zu dieser Zeit unterrichtete der Lehrer Josef Klauke „nicht weniger als 118 Kinder klassenweise in einem Raum.“ 1877 ist eine weitere Klasse eingerichtet worden und um 1900 kam die dritte Klasse hinzu.

Bereits im Jahre 1914 stufte die Gemeindevertretung in Oberkirchen einen Schulneubau als unabdingbar ein und kaufte damals von Landwirt Reintke den Bauplatz neben dem Lehrerhaus. Doch erst die untragbaren räumlichen Verhältnisse nach dem 2. Weltkrieg erzwangen die späte Umsetzung des Beschlusses.

Die alte Schule bot ein trauriges Bild: abgeblätterter Außenputz; herausgerissene Türfüllungen; abgewetzte, ächzende Treppen; ein undichtes Dach, das Regenfälle bis ins Erdgeschoss weiter­leitete; dunkle Räume; undichte Öfen; wackelnde und knarrende Bänke. Jeder Schüler durfte rund einen halben Quadratmeter Schulhoffläche nutzen!

Bei der Wiedereröffnung im September 1945 gab es keine Tinte, keine Kreide, die Wandtafeln waren beschädigt oder unbrauchbar. Für die Kinder standen weder Tafeln, Hefte noch Schreib­geräte zur Verfügung[2] 178 Schüler wurden von drei Lehrkräften unterrichtet; aus der Vorkriegszeit war nur Maria Dicke (seit 1937 in Oberkirchen) geblieben[3]

Durch die Einführung des 9. Schuljahres zum Schuljahr 1949/50 stieg die Schülerzahl auf den Höchststand von 245 an. 20 dieser Kinder waren Evakuierte und 56 Ostvertriebene. Nun wurden sechs Klassen gebildet, die von vier Lehrkräften geführt wurden. Allerdings standen lediglich zwei Klassenräume zur Verfügung, die nach einem kreisärztlichen Gutachten „keineswegs mehr den hygienischen Anforderungen“ genügten. Die Lehrkräfte erteilten einen durchgehenden Schichtunterricht von 8.00 Uhr bis 17.35 Uhr – diese Überanstrengung führte zu längeren Krankheiten. Zwar stellte Pfarrer Friedrich Schröer (von 1941 bis 1967 in Oberkirchen) in der Vikarie einen Raum zur Verfügung, doch dies konnte nur eine vorübergehende Lösung bleiben.

Schachtarbeiten
Schulgelände (Foto: Anton Tigges)

Am 21.1.1949 beantragt daher Wilhelm Mraß, dem kurz zuvor die Schulleitung übertragen worden ist, einen Schulneubau. Bereits zwei Wochen später beschließt die Gemeindevertretung Ober­kirchen, 10.000 DM kommunale Mittel für den Bau zur Verfügung zu stellen, weitere 20.000 DM sollten im nächsten Rechnungsjahr hinzukommen. Ein Drittel will die Regierung in Arnsberg bereit stellen, falls sich die Elternschaft in Eigenleistung an dem Projekt beteiligt. Auf etwa 160.000 DM werden die Baukosten für eine vierklassige Schule geschätzt. Mit Weitblick fordert Lehrer Mraß eine Verlegung des Standortes: „Der Neubau ist direkt an der Hauptstraße vorge­sehen. Die neue Schule soll doch auch hundert Jahre und länger ihren Dienst erfüllen. Der heutige Verkehr ist trotz der Einschränkung der Nachkriegszeit auf dieser Hauptstrecke sehr umfangreich. Er wird sich in den nächsten Jahren vervielfachen. Dann liegt die Schule wieder in einem Lärm­zentrum.

Die Einwände des Schulleiters finden Gehör: Im Februar 1950 erwirbt die Gemeinde Oberkirchen das heutige Grundstück an der Lüttmecke für 1,50 DM/m². Den Bauauftrag erhält das Westfelder Unternehmen Wilhelm Hoffmann. In einer Versammlung, die sich mit dem Neubau befasst, erklären sich alle Anwesenden bereit, wenigstens drei Tage durch persönliche Arbeitsleistungen mitzuhelfen. Fast alle Waldbesitzer stiften nennenswerte Bauholzmengen. Am 15. April werden die Schachtarbeiten begonnen – mit Schippe und Pferdekarren – und am 27. Juni erfolgt die feierliche Grundsteinlegung. Bürgermeister Heinrich Himmelreich aus Westfeld, Amtsbürgermeister Josef Schneider und Amtsdirektor Klaus Siebenkotten unterzeichnen die Urkunde, aus der hervorgeht, dass die vierklassige Schule für 230 Kinder ausgelegt ist. Als am 29. August 1950 Richtfest[4] gefeiert wird, wächst unweit der Schule bereits das Nebengebäude, das später einen zum Turnen, Werken und Feiern genutzten Raum sowie den Feuerwehrgeräteschuppen beherbergen soll. Der Schul­neubau, so die Westfalenpost, ist eine „Schule modernster Art; an jedes Schulzimmer schließt sich ein Gruppenraum an. Ferner sind Werkräume und Badeeinrichtung vorhanden.

Richtfest IV
Richtfest am 29.August 1950

Ein Jahr später – der Bau nähert sich seiner Vollendung – wird die Namensgebung aktuell: „Katholische Volksschule ‘St. Michael’ Oberkirchen“ lautet der Vorschlag von Hauptlehrer Mraß und er begründet: „St. Michael ist der 2. Namenspatron der hiesigen Kirchengemeinde.“ Mraß wurde dabei intensiv von Pfarrer Schröer unterstützt.

Schuleinweihung (mit Geistlichkeit)
Einweihung mit Geistlichkeit

Am 11. Dezember 1951 ist es dann so weit: „Heute hat Oberkirchen seinen Festtag“, titelt die Westfalenpost. „Laßt herein die wissensdurst’gen Scharen“ und „Lernen soll zur Freude werden“ verdeutlichen als weitere Schlagzeilen die frohe Erwartungshaltung. Bis auf den Außenputz sind nun alle Arbeiten abgeschlossen. Die Einweihungsfeier findet unter großer Anteilnahme der Bevölkerung im ersten Schnee dieses Winters statt. 192 Schüler, verteilt auf vier Klassen, beziehen ihr neues Lerndomizil, unter ihnen Alfons Silberg, dem die Ehre zuteil wird, bei der Schlüssel­übergabe die Eingangstür aufzuschließen.

Die Kinder wissen die Vorzüge der neuen Schule zu schätzen: „Hier kommt doch mehr Licht ‘rein!“ – „Wir haben einen Gruppenraum und können alle gleichzeitig unterrichtet werden!“ – „Die Umgebung ist viel abwechslungsreicher!“, berichten sie im Februar 1952 dem Zeitungsredakteur. Besondere Beachtung finden die beweglichen Tische mit den neuartigen Drehstühlen.

Im folgenden Sommer wird das Mauerrondell errichtet, die Zufahrt asphaltiert und die Schule erhält einen Außenputz. Von 1953 bis 1955 folgen die Anlage des Schulplatzes, der planiert und mit rotem Splitt bedeckt wird; der Feierraum im Nebengebäude wird mit Bühnenvorhang und Gestühl ausgestattet; auch die Außenanlagen finden Beachtung: Hinter der Schule grünt nun eine Wiese für das Bodenturnen und das Schulgelände wird bepflanzt.

Übrigens durften sich auch die Lehrkräfte über ein neues Wohngebäude freuen: Das durch Kriegseinwirkung zerstörte Lehrerhaus wurde bereits 1949 neu errichtet, mit einer durchgreifenden Modernisierung der drei Lehrerwohnungen: „Wasserklosett, eine Waschgelegenheit im Schlafzimmer und ein gemeinsames Bad für das ganze Haus im Keller sind eingebaut worden.“ Ins Erdgeschoss zieht Viktor Köhler (seit 1.3.49 an der Schule), darüber wohnt Hauptlehrer Wilhelm Mraß (in Oberkirchen seit dem 1.4.47) und im zweitem Stock Maria Dicke. Dem Kollegium der ersten Stunde gehört ferner Paula Schröder an (seit 9.5.50).

Die alte Schule wird im August 1952 von der Kath. Kirchengemeinde für 2000 DM erworben und beherbergt nach gründlicher Renovierung den Kindergarten sowie einen Jugendraum.

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[1] Übersetzt: „Wir gehen mal eben in die alte Schule“

[2] Leider wurde durch Kriegseinwirkungen (Brand im April 1945) auch die alte Chronik vernichtet.

[3] Hauptlehrer Düppe musste laut mündlicher Überlieferung wegen seiner Nazi-Vergangenheit aus dem Schuldienst ausscheiden.

[4] Laut mündlicher Überlieferung wurde bei dem Richtfest unter den anwesenden Politikern (u.a. Amtsbürgermeister Himmelreich) vereinbart, das neue Volksschulgebäude Westfeld zu bauen.

 

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